Einblicke ins FSJ

Auf dem Sofa sitzen ein paar Jugendliche und ratschen, zwei Jungs spielen Billard und aus dem Nebenraum hört man fröhliche Stimmen – hier wird gerade das Spielbrett für eine Runde „Siedler von Catan“ vorbereitet. Zum Glück hat das Spiel noch nicht begonnen und Kathrin kann sich problemlos für ein Gespräch Zeit nehmen. Es scheint hier überhaupt alles ganz locker zu sein an diesem Montagnachmittag im „Boni“, dem Kirchlichen Jugendzentrum Haar, kurz nach Beginn des offenen Betriebs.

Kathrin Hien macht hier seit dem 1. September 2008 ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) und bewegt sich schon so souverän durch die Räume, wie die anderen aus dem achtköpfigen Team des Boni. Kathrin ist eine von jährlich 70 jungen Menschen, die im Erzbistum München und Freising unter der Trägerschaft des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) München und Freising und des Caritas-Diözesanverbands ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren. Über 200 junge Frauen und Männer bewerben sich bei Caritas und BDKJ jährlich für die 70 Stellen, viele aus einer ähnlichen Motivation heraus wie Kathrin: „Nach dem Abitur wollte ich einfach eine Lernpause machen und mal richtig arbeiten“, berichtet die 19-Jährige. Auch hofft sie im FSJ eine Orientierungshilfe für ihr zukünftiges Studium zu finden. „Es hat mich gereizt, einen sozialen Beruf auszuprobieren und damit gleichzeitig anderen Menschen helfen zu können“, so Kathrin.

Dazu hat sie auch ausreichend Gelegenheit, denn im Jugendzentrum gilt es an vier Nachmittagen in der Woche nicht nur mit den jungen Besuchern von 8 bis 20 Jahren zu Spielen, sondern auch Projekte und Aktionen für sie vorzubereiten und vor allem Ansprechpartnerin für Probleme aller Art zu sein: „Es gibt Jugendliche, für die das Boni ein zweites Zuhause ist“, erzählt Kathrin. Ihr macht die vielseitige Arbeit Spaß und sie hat auch keine Berührungsängste gegenüber den Jugendlichen, schließlich hat sie zwei jüngere Geschwister und war zwei Jahre lang ehrenamtlich für den Verein „Generationenengerechtes Wohnen München West“ in der Jugendarbeit aktiv. Diese Erfahrungen helfen ihr auch in der Hauptschule St. Konrad in Haar, wo das Jugendzentrum seit Januar 2008 eine Stelle für Schulsozialarbeit unterhält. Hier ist Kathrin für die Mittagsbetreuung der zwei Ganztagsklassen zuständig. Bei Einzelberatungen ist sie ebenfalls mit dabei, wo es um Streit zwischen Schülern, familiäre oder finanzielle Probleme und vieles mehr geht. Fingerspitzengefühl braucht es auch bei den Projekten mit einzelnen Klassen wie Bewerbungs- oder Gewaltpräventionstrainings. „Da gibt es unter den Schülern schon auch harte Fälle, die deine Grenzen ausloten wollen“, berichtet die FSJ’lerin. „Ich werde in solchen Situationen von meinen Teamkollegen aber nie allein gelassen“, betont sie. Sie arbeitet vor allem mit ihrer FSJ-Anleiterin Antje Andrée aus dem Jugendzentrum eng zusammen - eine Begleitung, die alle FSJ’ler an ihrer Einsatzstelle bekommen. „Das FSJ ist für mich wie ein behüteter Einstieg ins Berufsleben und ein Studium im sozialen Bereich kommt bei mir bestimmt mit in die engere Auswahl“, resümiert sie. Nun zieht es Kathrin aber wieder zu den Jugendlichen, schließlich steht die Runde „Siedler“ noch aus.

Zum Abschied gibt sie einen schönen Gruß für Vadym mit auf den Weg. Kathrin kennt ihn von den Bildungsseminaren, die BDKJ und Caritas für die Freiwilligen begleitend zu ihrer Arbeit in der Einsatzstelle anbieten. Zwei von den insgesamt fünf einwöchigen Seminaren haben die beiden jungen Erwachsenen schon hinter sich. Im Ersten konnten sich die 70 FSJ’ler, die in Kindergärten und Jugendeinrichtungen, Sozialstationen, Behinderten- und Alteneinrichtungen oder Krankenhäusern tätig sind, kennen lernen und austauschen. Im zweiten Seminar wurden Workshops rund um Berufswahl und Bewerbung angeboten. „Auf den Seminaren lernt man nicht nur für die Arbeit in der Einsatzstelle, sondern fürs Leben“, freut sich der 22-jährige Vadym Kolodyazhny aus der Ukraine, der als FSJ’ler im Caritas-Altenheim St. Korbinian in Baldham arbeitet.

Der ausgebildete Lehrer für Englisch, Deutsch und Weltliteratur ist auf einem ungewöhnlichen Weg zum FSJ gekommen, wie viele der 14 Freiwilligen mit Migrationshintergrund aus dem aktuellen Jahrgang. „Während des Studiums habe ich gemerkt, dass man eine Fremdsprache nur in dem jeweiligen Land richtig lernen kann“, berichtet Vadym. Deshalb hat er sich 2007 einen Traum erfüllt und ist als Au Pair nach Deutschland gekommen. Als seine Gastfamilie in Rain am Lech mitbekam, dass er gerne noch etwas länger in Deutschland bleiben möchte, hat sie ihn auf das FSJ aufmerksam gemacht. Auf München ist seine Wahl dann dank eines Ausflugs in die Landeshauptstadt gefallen: „Ich hatte noch nie Berge gesehen und als ich auf dem Olympiaberg stand und das Panorama gesehen habe, habe ich mich in München verliebt“, erinnert sich Vadym. Dass er bei seiner Bewerbung für das FSJ nun gerade eine Stelle in der Altenpflege angeboten bekommen hat, betrachtet Vadym als Lernfeld. „Meine Eltern sind zwar noch jung, aber sie werden es eines Tages nicht mehr sein und dann sind diese Erfahrungen bestimmt sehr wertvoll für mich“, glaubt der 22-Jährige. Und wenn man ihn im Umgang mit „seinen Bewohnern von Station 2“ erlebt, glaubt man ihm auch, dass ihm die Arbeit wirklich Spaß macht. Beim Nachmittagskaffee scherzt er mit den Senioren und tauscht mit einem Herrn im Rollstuhl Worte in einer fremd klingenden Sprache aus. Ob er den Senioren Ukrainisch beibringe? „Nein, ich lerne von ihm gerade ein paar Worte Serbisch, man muss ja immer offen für Neues bleiben“, antwortet er augenzwinkernd. Vadym kennt viele Geschichten von den Bewohnern: „Der Herr dort erinnert sich viel an früher und hat oft Depressionen, seine Frau kann nur noch mit den Augen sprechen und die Frau in dem Zimmer dort drüben schreit immer sehr viel, ich mag sie aber trotzdem sehr gerne.“ Vadym ist ein aufmerksamer Beobachter und man spürt seine Zuneigung zu den alten Menschen. In seinem Arbeitsalltag kann er sich aber nicht immer Zeit für sie nehmen: Er verteilt die Mahlzeiten und Medikamente, hilft den Bewohnern beim Essen, bezieht die Betten, ist bei den Übergaben mit dabei und vieles mehr.

Was ihm zu Beginn schwer gefallen ist, ist die Pflege der Bewohner. „Als ich das erste Mal jemanden gewaschen oder eine offene Wunde versorgt habe, habe ich noch eine Gänsehaut bekommen, aber ich wurde ganz langsam an diese Aufgaben herangeführt und jetzt ist es kein Problem mehr für mich“, berichtet Vadym dankbar für das behutsame Vorgehen seinen Anleiterinnen. „Es ist doch alles menschlich“, so seine Devise, die er sich von einem ehemaligen Praktikanten des Hauses abgeschaut hat. Vadym, der gleich bei seiner Arbeitsstelle im angrenzenden Heim für Pflegeschüler wohnt, ist begeistert von der Solidarität, die ihm seine Kollegen und Vorgesetzten entgegenbringen: „Meine Chefin hat mir Geschirr organisiert und meine Kollegen einen kleinen Fernseher“, freut er sich. Auf diese Hilfe war er auch angewiesen, denn gerade in den ersten beiden Monaten habe er sich oft einsam gefühlt. Hier haben ihm auch die FSJ-Seminare sehr geholfen, wo er viele Gleichaltrige kennen lernen konnte. Mit einigen von ihnen trifft er sich auch regelmäßig – selbst wenn er dazu mit dem Fahrrad nach München fahren oder jetzt im Winter für die Fahrkarte sparen muss. „Aber ich fühle mich sehr wohl, so als ob das richtige Leben jetzt endlich losgeht“, freut sich Vadym.